Verwaltungsrecht

Erfolgloses Schutzersuchen eines Flüchtlings aus Afghanistan

Aktenzeichen  W 1 K 16.31745

Datum:
10.10.2017
Rechtsgebiet:
Gerichtsart:
VG
Gerichtsort:
Würzburg
Rechtsweg:
Verwaltungsgerichtsbarkeit
Normen:
AsylG AsylG § 3 Abs. 1, § 3a Abs. 1, § 3b, § 3c, § 3d, § 3e, § 4, § 74 Abs. 1
AufenthG AufenthG § 60 Abs. 5, Abs. 7
RL 2011/95/EU Art. 6 – 10

 

Leitsatz

1. Keine zweiwöchige Klagefrist des § 74 Abs. 1 AsylG bei Rechtsbehelfsbelehrung, wonach die Klage in deutscher Sprache abgefasst sein müsse. (Rn. 16) (redaktioneller Leitsatz)
2. Keine flächendeckende oder großflächige Verfolgung der an Impfprogrammen Mitwirkenden in Afghanistan; zudem Bestehen einer inländischen Fluchtalternative in Kabul. (Rn. 22 – 27) (redaktioneller Leitsatz)
3. Finanzielle Unterstützung ausreisewilliger Afghanen durch Start- und Reintegrationshilfen aus dem REAG-Programm und dem GARP-Programm in Form von Reisebeihilfen und Starthilfen sowie Sachleistungen im Heimatland aus dem ERIN-Programm. (Rn. 34 – 35) (redaktioneller Leitsatz)
4. Kein subsidiärer Schutz wegen der Sicherheitslage in Kabul oder in der Provinz  Nanghar. (Rn. 40 – 41) (redaktioneller Leitsatz)
5. Kein nationales Abschiebungsverbot wegen der allgemeinen Versorgungslage in Afghanistan. (Rn. 43 – 46) (redaktioneller Leitsatz)

Tenor

I. Die Klage wird abgewiesen.
II. Der Kläger hat die Kosten des Verfahrens zu tragen. Gerichtskosten werden nicht erhoben.

Gründe

Die Klage, über die in Abwesenheit eines Vertreters der Beklagten verhandelt und entschieden werden konnte (§ 102 Abs. 2 VwGO) ist zulässig, jedoch nicht begründet. Dem Kläger stehen die geltend gemachten Ansprüche nicht zu. Der Bescheid des Bundesamtes vom 8. August 2016 ist einschließlich der darin enthaltenen Abschiebungsandrohung rechtmäßig und verletzt den Kläger nicht in seinen Rechten (§ 113 Abs. 5 Satz 1, Abs. 1 Satz 1 VwGO).
Die Klage ist zulässig, insbesondere nicht verfristet, obwohl der angegriffene Bescheid des Bundesamtes wohl bereits nach § 10 Abs. 2 Satz 4 AsylG spätestens am 13. August 2016 als zugestellt gilt, was jedoch letztlich offen bleiben kann. Denn die dem Bescheid beigefügte Rechtsbehelfsbelehrung:enthielt den Passus, dass „die Klage in deutscher Sprache abgefasst sein müsse“. Aufgrund dessen war die Rechtsbehelfsbelehrung:nicht geeignet, die zweiwöchige Klagefrist nach § 74 Abs. 1 1. Hs. AsylG in Lauf zu setzen, da diese mit der zitierten Passage unrichtig erteilt worden ist, § 58 Abs. 2 VwGO. Denn mit dieser Formulierung ist die Rechtsbehelfsbelehrung:geeignet, bei dem Betroffenen den – im Widerspruch zum Gesetz stehenden – Eindruck zu erwecken, dass die Klage gegen den Bundesamtsbescheid bei dem Verwaltungsgericht schriftlich eingereicht werden muss und dass der Betroffene selbst für die Schriftform zu sorgen hat (vgl. VGH Baden-Württemberg,U.v. 18.4.2017 – A 9 S3 133/17 – juris; VG Würzburg, B.v. 9.5.2017 – W 1 E 17.31946 – juris). Der Kläger hat sodann am 4. Oktober 2016 Klage erhoben, so dass die Klageerhebung jedenfalls innerhalb der Jahresfrist und damit rechtzeitig erfolgt ist, § 58 Abs. 2 VwGO.
Der Kläger ist darüber hinaus für das vorliegende gerichtliche Verfahren auch prozessfähig i.S.d. § 62 Abs. 1 Nr. 1 VwGO, da er im insoweit maßgeblichen Zeitpunkt der mündlichen Verhandlung, § 77 Abs. 1 AsylG, jedenfalls volljährig war. Dies ergibt sich zuvörderst aus seinen eigenen Angaben vor dem Bundesamt, wonach er bei der Zweitbefragung im Rahmen der Bestimmung des zuständigen Mitgliedstaates zur Durchführung des Asylverfahrens am 27. August 2015 erklärt hat, dass er aktuell 16 Jahre alt sei. Dies zugrunde gelegt muss der Kläger also spätestens am 27. August 2017 die Volljährigkeit erreicht haben. Dies deckt sich im Übrigen mit dem äußeren Erscheinungsbild des Klägers in der mündlichen Verhandlung.
I.
Die Klage ist jedoch nicht begründet. Der Kläger hat keinen Anspruch auf Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft nach § 3 AsylG.
1. Zunächst ist zu bemerken, dass eine im Verwaltungsverfahren etwaig bestehende Handlungsunfähigkeit des Klägers im vorliegenden Zusammenhang ohne Bedeutung wäre. Denn im Rahmen einer Verpflichtungsklage ist die ablehnende behördliche Entscheidung im engeren Sinne nicht Gegenstand des Verfahrens. Sie kann vielmehr nur dann Erfolg haben, wenn dem Kläger ein sein Klagebegehren deckender, nach zwingendem Recht zu beurteilender Anspruch zusteht. Über ihn haben die Tatsachengerichte ohne Rücksicht auf Mängel des Verwaltungsverfahrens zu entscheiden (vgl. BVerwG, U.v. 18.10.1983 – 9 C 801/80 – juris; BVerwG, U.v. 18.11.1983 – 9 CB 252/81 – juris).
Unabhängig hiervon ist jedoch festzustellen, dass der Kläger bei der Stellung seines Asylantrages am 10. August 2015 sowie bei seiner Anhörung am 20. Oktober 2015 nach eigenen Angaben bereits 16 Jahre alt war und damit nach § 12 Abs. 1 AsylG a.F., welche bis zum 23. Oktober 2015 in Kraft war, handlungsfähig im asylrechtlichen Verwaltungsverfahren. Die spätere Gesetzesänderung, nach der die Verfahrenshandlungsfähigkeit erst mit der Volljährigkeit vorliegt, vermag hieran nichts mehr zu ändern. Einer bereits wirksamen Verfahrenshandlung wird dadurch nicht nachträglich der Boden entzogen und sie deshalb nicht rückwirkend unwirksam; auch aus § 77 Abs. 1 AsylG ergibt sich nichts anderes (vgl. VG Würzburg, U.v. 17.3.2017 – W 1 K 16.30736 – juris – bestätigt durch BayVGH, B.v. 21.8.2017 – 13a ZB 17.30529 – juris). Somit kann auch das Vorbringen des Klägers vor dem Bundesamt in Gänze berücksichtigt werden, da er zu diesem Zeitpunkt nach der seinerzeit geltenden Rechtslage handlungsfähig war (vgl. hierzu BVerwG, U.v. 18.11.1983 – 9 CB 252/81 – juris). Auch ist davon auszugehen, dass der Kläger bei der Zustellung des Bundesamtsbescheides am 30. September 2016 bereits volljährig und damit handlungsfähig war. Dies ergibt sich für das erkennende Gericht daraus, dass der Kläger das Geburtsdatum „25. April 1997“ ganz offensichtlich zunächst selbst im Rahmen des Asylverfahrens angegeben und sodann nur im weiteren Verlauf, wohl um sich Vorteile für ein Dublin-Verfahren zu verschaffen, erklärt hat, dass er erst 16 Jahre alt sei. Einen Nachweis hat er hierzu weder vorgelegt noch dargelegt, dass er sich um einen solchen bemüht hätte. Vielmehr hat er lediglich angegeben, dass seine Mutter ihm dies so mitgeteilt habe. Dies erscheint angesichts der äußeren objektiven Umstände nicht glaubhaft. Vielmehr hat der Kläger sodann auch im Rahmen seiner persönlichen Anhörung vom 20. Oktober 2015 auf die Frage nach Verwandten in Deutschland erklärt, dass „er einen Cousin habe, der so alt sei wie er, dieser sei 18 Jahre alt.“ Damit setzt er sich klar in Widerspruch zur Antwort auf Frage 6 dieser Anhörung, wonach er erst 16 Jahre alt sei. Bei letzterem handelt es sich ganz offensichtlich um ein asyltaktisches Vorbringen, um sich durch ein jüngeres Lebensalter Vorteile zu verschaffen. Ein etwaiger Verfahrensfehler wäre jedoch jedenfalls durch den mittlerweile volljährigen Kläger durch die Stellung von Sachanträgen in der mündlichen Verhandlung geheilt worden (vgl. BayVGH, U.v. 23.3.2017 – 13a B 17.30011 – juris; B.v. 21.8.2017 – 13a ZB 17.30529 – juris).
2. Rechtsgrundlage der begehrten Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft ist vorliegend § 3 Abs. 4 und Abs. 1 AsylG. Danach wird einem Ausländer, der Flüchtling nach § 3 Abs. 1 AsylG ist, die Flüchtlingseigenschaft zuerkannt, soweit er keinen Ausschlusstatbestand nach § 60 Abs. 8 Satz 1 AufenthG erfüllt. Ein Ausländer ist Flüchtling i.S.d. Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (Genfer Konvention – GK), wenn er sich aus begründeter Furcht vor Verfolgung wegen seiner Rasse, Religion, Nationalität, politischen Überzeugung oder Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe außerhalb des Landes (Herkunftsland) befindet, dessen Staatsangehörigkeit er besitzt und dessen Schutz er nicht in Anspruch nehmen kann oder wegen dieser Furcht nicht in Anspruch nehmen will. Nach § 77 Abs. 1 AsylG ist vorliegend das Asylgesetz in der Fassung der Bekanntmachung vom 2. September 2008 (BGBl I S. 1798), das zuletzt durch Artikel 2 des Gesetzes vom 20. Juli 2017 (BGBl I S. 2780 ff.) geändert worden ist (AsylG), anzuwenden. Dieses Gesetz setzt in §§ 3 bis 3e AsylG – wie die Vorgängerregelungen in §§ 3 ff. AsylVfG – die Vorschriften der Art. 6 bis 10 der Richtlinie 2011/95/EU vom 28. August 2013 über Normen für die Anerkennung von Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen als Personen mit Anspruch auf internationalen Schutz, für einen einheitlichen Status für Flüchtlinge oder für Personen mit Anrecht auf subsidiären Schutz und für den Inhalt des zu gewährenden Schutzes (Amtsblatt Nr. L 337, S. 9) – Qualifikationsrichtlinie (QRL) im deutschen Recht um. Nach § 3a Abs. 1 AsylG gelten als Verfolgung i.S.d. § 3 Abs. 1 AsylG Handlungen, die aufgrund ihrer Art oder Wiederholung so gravierend sind, dass sie eine schwerwiegende Verletzung der grundlegenden Menschenrechte darstellen, insbesondere der Rechte, von denen nach Art. 15 Abs. 2 der Konvention zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten vom 4. November 1950 – EMRK (BGBl 1952 II, S. 685, 953) keine Abweichung zulässig ist (Nr. 1), oder die in einer Kumulierung unterschiedlicher Maßnahmen, einschließlich einer Verletzung der Menschenrechte, bestehen, die so gravierend ist, dass eine Person davon in ähnlicher wie der in Nr. 1 beschriebenen Weise betroffen ist (Nr. 2). Nach § 3 Abs. 1 Satz 1 AsylG muss die Verfolgung an eines der flüchtlingsrelevanten Merkmale anknüpfen, die in § 3b Abs. 1 AsylG näher beschrieben sind, wobei es nach § 3b Abs. 2 AsylG ausreicht, wenn der betreffenden Person das jeweilige Merkmal von ihren Verfolgern zugeschrieben wird. Nach § 3c AsylG kann eine solche Verfolgung nicht nur vom Staat, sondern auch von nicht-staatlichen Akteuren ausgehen.
Das Gericht ist davon überzeugt, dass der Kläger nicht vorverfolgt aus Afghanistan ausgereist ist. Es ist nicht glaubhaft dargelegt worden, dass der Kläger wegen der Teilnahme an einem Impfprogramm in Afghanistan verfolgt worden ist. Zwar kann dem Kläger aufgrund seiner Ausführungen vor dem Bundesamt und in der mündlichen Verhandlung sowie der vorgelegten glaubhaften Bestätigung des afghanischen Gesundheitsministeriums abgenommen werden, dass er Impfungen an Kindern u.a. gegen Kinderlähmung durchgeführt hat. Hierzu ist aufgrund der Erkenntnismittellage auch bekannt geworden, dass die Taliban Gegner solcher Impfungen sind, da sie darin u.a. eine Verschwörung des Westens gegen die Muslime sehen und dass beteiligte Impfhelfer Spionage betreiben könnten. Es ist diesbezüglich von Bedrohungen, Verletzungen bis hin zu Tötungen von Beteiligten der Impfteams berichtet worden (vgl. etwa http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/afghanistan-kinder-in-gefahr-wegen-virus-15106648.html; https://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=68442; http://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2016-09/polio-impfung-kinderlaehmung-pakistan-taliban-angriffe).
Allerdings ergibt sich hieraus keine flächendeckende oder auch nur großflächige Verfolgung der an Impfungen Beteiligten; es handelt sich vielmehr um einzelne Vorfälle. Der Kläger hat vorliegend nicht glaubhaft machen können, dass er aufgrund seiner Beteiligung an Impfaktionen, die er rund eineinhalb Jahre durchgeführt habe, einer Verfolgung durch die Taliban ausgesetzt war. Er hat nämlich diesbezüglich bereits vor dem Bundesamt nur sehr vage und oberflächlich vorgetragen, dass die Taliban zweimal bei ihnen zu Hause nach ihm gesucht hätten und seine Mutter und seine Onkel daraufhin beschlossen hätten, ihn wegzuschicken. Der Kläger hat diese Vorfälle in seinem freien Vortrag in der mündlichen Verhandlung ebenfalls nicht weiter konkretisiert, sondern pauschal auf zwei derartige Vorfälle verwiesen, bei denen seinen Verwandten gegenüber angedroht worden sei, dass man ihn umbringe, falls er Impfungen weiterhin durchführe. Der erkennende Einzelrichter hat hierbei in der mündlichen Verhandlung nicht die Überzeugung einer lebensnahen Schilderung gewinnen können, dass sich derartige Vorfälle tatsächlich zugetragen haben, sondern ist vielmehr überzeugt davon, dass es sich hierbei allein um pauschales asyltaktisches Vorbringen handelt. Diese Einschätzung wird insbesondere dadurch bestärkt, dass der Kläger die beiden Vorfälle, bei denen nach ihm gesucht worden sein soll, auf Mai 2015 datiert, während er entsprechend seiner Aussagen in der mündlichen Verhandlung die Tätigkeit bereits am 13. April 2015 beendet haben will (vgl. Niederschrift S.5). Da es das Ziel der Taliban war, dass der Kläger die Impfungen beendet, wäre es ein Leichtes gewesen, durch seine anwesenden Familienmitglieder hierauf hinzuweisen und so die Bedrohung abzuwenden. Vor diesem Hintergrund sind die Bedrohungen durch die Taliban im Mai 2015 – nach Beendigung der Impftätigkeit – nicht lebensnah nachvollziehbar. Zwar hat der Kläger an anderer Stelle in der mündlichen Verhandlung erklärt (vgl. Niederschrift S. 3), dass er die Impfungen bis ca. zwei Wochen vor seiner Ausreise, welche am 4. Juni 2015 stattgefunden habe, durchgeführt habe. Damit jedoch setzt er sich in Widerspruch zur später im Rahmen der mündlichen Verhandlung behaupteten Beendigung der Impfaktionen am 13. April 2015. Beide Daten wiederum stehen in Widerspruch zu der vorgelegten Bescheinigung des Gesundheitsministeriums, wonach der Kläger vom 3. Oktober 2013 bis zum 1. April 2015 für das Impfprogramm tätig war. Diese Widersprüche und Ungereimtheiten zu ganz zentralen Punkten des Verfolgungsgeschehens führen für den erkennenden Einzelrichter zur Unglaubhaftigkeit des entsprechenden Verfolgungsvortrages. Hinzu kommt noch, dass der Kläger vor dem Bundesamt angegeben hat, dass die Taliban bei der ersten Suche nach ihm bei ihm zu Hause gewesen seien, er selbst jedoch nicht zu Hause gewesen sei. Beim zweiten Mal seien sie bei seinem Onkel mütterlicherseits vorstellig geworden. In der mündlichen Verhandlung dagegen hat der Kläger auf die Frage, wo der Kläger gewesen sei, als die Taliban mit der Mutter und dem Onkel gesprochen hätten, erklärt, dass er damals zu Hause gewesen sei und sich versteckt gehalten habe. Auch hierbei handelt es sich um einen Widerspruch, der der Glaubhaftigkeit des Verfolgungsvortrages entgegensteht.
Nach alledem ist das Gericht davon überzeugt, dass der Kläger nicht vorverfolgt aus seinem Heimatland ausgereist ist und auch bei seiner Rückkehr dorthin nicht mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit mit einer Verfolgung zu rechnen hat. Letzteres ergibt sich insbesondere daraus, dass der Kläger der Forderung der Taliban nach Aufgabe der Impfungen mittlerweile nachgekommen ist. Zudem ist nichts darüber berichtet worden, dass er nach seiner Ausreise am Heimatort noch von den Taliban gesucht worden wäre, so dass von einem aktuellen Verfolgungsinteresse nicht mehr ausgegangen werden kann.
3. Unabhängig von den vorstehenden Ausführungen bestünde jedoch für den Kläger in Afghanistan die Möglichkeit eines internen Schutzes nach § 3e AsylG in Kabul, wenn man – entgegen obiger Ausführungen – davon ausginge, dass der Kläger vorverfolgt aus seinem Heimatland ausgereist wäre, indem er von den Taliban wegen der Teilnahme an dem Impfprogramm gesucht und bedroht worden wäre.
Einem Ausländer wird die Flüchtlingseigenschaft nach § 3e AsylG nicht zuerkannt, wenn er in einem Teil seines Herkunftslandes keine begründete Furcht vor Verfolgung oder Zugang zum Schutz vor Verfolgung nach § 3d AsylG hat und sicher und legal in diesen Landesteil reisen kann, dort aufgenommen wird und vernünftigerweise erwartet werden kann, dass er sich dort niederlässt. Hierbei sind die allgemeinen Gegebenheiten im Herkunftsland und die persönlichen Umstände des Ausländers gemäß Art. 4 der Qualifikationsrichtlinie zu berücksichtigen.
Das Gericht geht – auch unter Berücksichtigung des Art. 4 Abs. 4 der Qualifikationsrichtlinie – davon aus, dass der Kläger in der afghanischen Hauptstadt Kabul internen Schutz erlangen kann und dort keine Verfolgungsgefahr zu befürchten hat. Es sprechen nämlich stichhaltige Gründe dagegen, dass der Kläger erneut von einer Verfolgung bedroht würde, wie er sie in seinem Asylverfahren vorgetragen hat. Dem steht insbesondere auch nicht das Gutachten des Dr. D. an das Niedersächsische Oberverwaltungsgericht vom 30. April 2013 entgegen. Der Gutachter stellt darin nämlich nicht fest, dass die Taliban über Netzwerke verfügen, die gezielt nach Personen in Kabul suchen, die sich einer Zwangsrekrutierung entzogen haben. Er führt hierzu vielmehr nur aus, dass er davon ausgehen müsse, dass die Taliban mindestens in der Lage seien, viele der Personen, die eine Zwangsrekrutierung abgelehnt hätten, zu finden. Konkret sind dem Gutachter jedoch nur fünf derartige Fälle bekannt geworden. In der Anfragebeantwortung von ACCORD hinsichtlich der „Fähigkeit der Taliban, Personen (insbesondere Dolmetscher, die für die US-Armee gearbeitet haben) in ganz Afghanistan aufzuspüren und zu verfolgen“ vom 15. Februar 2013 wird festgehalten, dass Angriffe auf Kollaborateure sich selbst in Städten, in geringerem Ausmaß auch in Kabul, ereignen würden. Personen, die geflüchtet seien und ihren Arbeitsplatz aufgegeben hätten, schienen jedoch in Städten nicht aktiv angegriffen worden zu sein. Personen, die geflüchtet seien und nicht mehr mit der Regierung zusammenarbeiten würden, würden für die Taliban ein Angriffsziel mit niedriger Priorität darstellen. Diese würden Informationen über Zielpersonen von Angriffen scheinbar nicht systematisch von einem Gebiet in ein anderes übermitteln. Es sei bekannt, dass die Taliban im Stadtzentrum von Kabul ein Netzwerk von Informanten unterhielten, um Botschaften und Regierungsgebäude zu beobachten. Dieses Netzwerk richte sich klar gegen hochrangige Ziele und Kollaborateure. Auch das Profil einer Person entscheide teilweise darüber, ob die Taliban jemanden, der in einen anderen Landesteil geflohen sei, aufspüren würden. Wichtige Personen seien hierbei gefährdeter zum Ziel der Taliban zu wählen. Wenn eine Person innerhalb eines Distrikts oder einer Provinz umsiedle, sei sie exponierter als bei einer Umsiedlung in eine in einem anderen Landesteil gelegene Provinz. In Kabul seien die Taliban schlechter in der Lage, Personen aufzuspüren, da dort Polizei und Sicherheitskräfte scheinbar besser ausgebildet und Personen anonymer seien. Nichtsdestotrotz könnten die Taliban in der Lage sein, jemanden in Kabul aufzuspüren. Die UNAMA schließe die Möglichkeit, dass die Taliban gegen wichtige Personen in Kabul vorgehen würden, nicht aus. Allerdings sei es unwahrscheinlich, dass die Taliban das Aufspüren von Personen von geringerer Bedeutung in Kabul zu einer Priorität machten bzw. dazu die Möglichkeit hätten.
Dies zugrunde gelegt ist das Gericht davon überzeugt, dass die Taliban vorliegend kein Interesse mehr daran haben, den Kläger ausfindig zu machen und gegen diesen vorzugehen. Dies ergibt sich bereits grundlegend daraus, dass – wie bereits ausgeführt – der Kläger der Aufforderung der Taliban nach Beendigung seiner Impftätigkeit vollständig nachgekommen ist. Entsprechend seiner Aussagen in der mündlichen Verhandlung wurden Konsequenzen nur für den Fall angekündigt, dass er die Impftätigkeit weiterhin fortführt. Nachdem die Taliban jedoch ihr Ziel vollumfänglich erreicht haben, besteht auch kein erkennbarer Grund mehr für eine weitere Verfolgung des Klägers. Die Richtigkeit dieser Annahme wird auch dadurch belegt, dass eine Nachsuche nach dem Kläger in der Zeit nach seiner Ausreise nicht stattgefunden hat; entsprechender Vortrag des Klägers ist diesbezüglich nicht erfolgt. Dies wäre jedoch zwingend zu erwarten gewesen, wenn die Taliban tatsächlich seiner weiterhin habhaft werden wollten. Auch können seine Mutter und ein kleiner Bruder, eine Schwägerin mit ihren beiden Söhnen sowie zwei Onkel mütterlicherseits mit Familie weiterhin offensichtlich unbehelligt am Herkunftsort leben, was ebenfalls gegen ein fortbestehendes ernsthaftes Verfolgungsinteresse spricht, da die Familienmitglieder ansonsten der Gefahr ausgesetzt wären, dass sich die Taliban an diesen stellvertretend für den Kläger rächen. Auch hierzu ist jedoch nichts vorgetragen worden. Zudem handelt es sich bei dem Kläger nicht um ein hochrangiges Angriffsziel, da dieser zu keiner Zeit aktiv gegen die Taliban gearbeitet hat. Schließlich wechselt der Kläger seinen Wohnsitz nicht nur innerhalb seiner Heimatprovinz, sondern über die Provinzgrenze hinweg in die Millionenstadt Kabul, was seine Sicherheit weiter signifikant erhöht. Nur ergänzend sei noch auf die beiden Brüder des Klägers hingewiesen, welche ebenfalls von den Taliban aufgrund der Tätigkeit als Leiter einer Mädchenschule bzw. wegen der Zusammenarbeit mit den Amerikanern bedroht würden, und gleichwohl andernorts in Afghanistan leben können und nur den Heimatort meiden. Warum dies nicht auch dem Kläger möglich sein sollte, erschließt sich dem Gericht nicht. Nach alledem sprechen stichhaltige Gründe dagegen, dass der Kläger im Falle seiner Rückkehr in sein Heimatland in Kabul erneut von einer Verfolgung der vorgetragenen Art bedroht wäre.
Der Kläger könnte darüber hinaus sicher und legal nach Kabul reisen. Schließlich kann von ihm vernünftigerweise erwartet werden, dass er sich in Kabul niederlässt. Erforderlich ist hierfür, dass am Ort des internen Schutzes die entsprechende Person durch eigene, notfalls auch wenig attraktive und ihrer Vorbildung nicht entsprechende Arbeit, die grundsätzlich zumutbar ist, oder durch Zuwendungen von dritter Seite nach Überwindung von Anfangsschwierigkeiten das zu ihrem angemessenen Lebensunterhalt erforderliche erlangen kann. Zu den danach zumutbaren Arbeiten gehören auch Tätigkeiten, für die es keine Nachfrage auf den allgemeinen Arbeitsmarkt gibt, die nicht überkommenen Berufsbildern entsprechen, etwa weil sie keinerlei besondere Fähigkeiten erfordern, und die nur zweiweise, etwa zur Deckung eines kurzfristigen Bedarfs, beispielsweise in der Landwirtschaft oder im Bausektor ausgeübt werden können. Nicht zumutbar sind hingegen jedenfalls die entgeltliche Erwerbstätigkeit für eine kriminelle Organisation, die in der fortgesetzten Begehung von oder Teilnahme an Verbrechen besteht. Der Zumutbarkeitsmaßstab geht im Rahmen des internen Schutzes über das Fehlen einer im Rahmen des § 60 Abs. 7 Satz 1 AufenthG beachtlichen existenziellen Notlage hinaus (vgl. BVerwG, U.v. 31.1.2013 – 10 C 15.12 – juris; OVG Nordrhein-Westfalen, B.v. 6.6.2016 – 13 A 18182/15.A – juris).
Die diesbezügliche aktuelle Lage in Afghanistan und in der Hauptstadt Kabul stellen sich wie folgt dar:
Das Auswärtige Amt führt in seinem Lagebericht vom 19. Oktober 2016 (a.a.O. S. 21 ff.) aus, dass Afghanistan eines der ärmsten Länder der Welt sei und trotz Unterstützung der internationalen Gemeinschaft, erheblicher Anstrengungen der Regierung und kontinuierlicher Fortschritte im Jahr 2015 lediglich Rang 171 von 187 im Human Development Index belegt habe. Die afghanische Wirtschaft ringe in der Übergangsphase nach Beendigung des NATO-Kampfeinsatzes zum Jahresende 2014 nicht nur mit der schwierigen Sicherheitslage, sondern auch mit sinkenden internationalen Investitionen und der stark schrumpfenden Nachfrage durch den Rückgang internationaler Truppen um etwa 90%. So seien ausländische Investitionen in der ersten Jahreshälfte 2015 bereits um 30% zurückgegangen, zumal sich die Rahmenbedingungen für Investoren in den vergangenen Jahren kaum verbessert hätten. Die wirtschaftliche Entwicklung bleibe durch die schwache Investitionstätigkeit geprägt. Ein selbsttragendes Wirtschaftswachstum scheine kurzfristig nicht in Sicht. Rund 36% der Bevölkerung lebe unterhalb der Armutsgrenze. Die Grundversorgung sei für große Teile der Bevölkerung eine tägliche Herausforderung, was für Rückkehrer naturgemäß verstärkt gelte. Dabei bestehe ein eklatantes Gefälle zwischen urbanen Zentren wie z.B. Kabul und ländlichen Gebieten Afghanistans. Das rapide Bevölkerungswachstum stelle eine weitere Herausforderung für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung des Landes dar. Zwischen den Jahren 2012 und 2015 werde das Bevölkerungswachstum auf rund 2,4% pro Jahr geschätzt, was in etwa einer Verdoppelung der Bevölkerung innerhalb einer Generation gleichkomme. Die Schaffung von Arbeitsplätzen bleibe eine zentrale Herausforderung. Nach Angaben des afghanischen Statistikamtes sei die Arbeitslosenquote im Oktober 2015 auf 40% gestiegen. Die internationale Gemeinschaft unterstütze die afghanische Regierung maßgeblich in ihren Bemühungen, die Lebensbedingungen der Menschen in Afghanistan zu verbessern. Aufgrund kultureller Bedingungen seien die Aufnahme und die Chancen außerhalb des eigenen Familienbzw. Stammesverbandes vor allem in größeren Städten realistisch.
Aus der Lagebeurteilung des Auswärtigen Amtes für Afghanistan vom 28. Juli 2017 ergibt sich insoweit nichts grundlegend Abweichendes: In fast allen Regionen werde von der Bevölkerung die Arbeitslosigkeit als das größte Problem genannt. Die Zahl der neu hinzugekommenen Binnenvertriebenen sei im ersten Halbjahr 2017 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um fast 25% gesunken. Die afghanische Regierung habe unter Beteiligung der internationalen Geberschaft sowie internationaler Organisationen mit der Schaffung einer Koordinierungseinheit zur Reintegration der Binnenflüchtlinge und Rückkehrer reagiert. Ein Großteil der internationalen Geberschaft habe zudem beschlossen, die Finanzmittel für humanitäre Hilfe im Rahmen eines Hilfsappells des UN-Koordinierungsbüros für humanitäre Angelegenheit OCHA aufzustocken. Trotz internationaler Hilfe übersteige der derzeitige Versorgungsbedarf allerdings das vorhandene Maß an Unterstützungsmaß-nahmen seitens der Regierung.
Die Schweizerische Flüchtlingshilfe (Afghanistan: Update – Die aktuelle Sicherheitslage vom 30. September 2016, Seite 24 ff.) führt aus, Afghanistan bleibe weiterhin eines der ärmsten Länder weltweit. Die bereits sehr hohe Arbeitslosenrate sei seit dem Abzug der internationalen Streitkräfte Ende 2014 wegen des damit zusammenhängenden Nachfrageschwundes rasant angestiegen, das Wirtschaftswachstum betrage nur 1,5%. Die Analphabetenrate sei noch immer hoch und der Pool an Fachkräften bescheiden. Die Landwirtschaft beschäftige bis zu 80% der Bevölkerung, erziele jedoch nur etwa 25% des Bruttoinlandprodukts. Vor allem in Kabul gehöre wegen des dortigen großen Bevölkerungswachstums die Wohnraumknappheit zu den gravierendsten sozialen Problemen. Auch die Beschäftigungsmöglichkeiten hätten sich dort rapide verschlechtert. Nur 46% der afghanischen Bevölkerung verfüge über Zugang zu sauberem Trinkwasser und lediglich 7,5% zu einer adäquaten Abwasserentsorgung. Unter Verweis auf den UNHCR sähen sich Rückkehrende beim Wiederaufbau einer Lebensgrundlage in Afghanistan mit gravierenden Schwierigkeiten konfrontiert. Geschätzte 40% seien verletzlich und verfügten nur über eine unzureichende Existenzgrundlage sowie einen schlechten Zugang zu Lebensmitteln und Unterkunft. Außerdem erschwere die prekäre Sicherheitslage die Rückkehr. Gemäß UNHCR verließen viele Rückkehrende ihre Dörfer innerhalb von zwei Jahren erneut. Sie wichen dann in die Städte aus, insbesondere nach Kabul.
Trotz dieser geschilderten schwierigen Bedingungen ist von dem Kläger vernünftigerweise zu erwarten, dass er sich in Kabul niederlässt. Aufgrund seiner in Europa erworbenen Erfahrungen befindet er sich in einer vergleichsweise guten Position. Mit diesen Erfahrungen und Kenntnissen ist davon auszugehen, dass der Kläger auch ohne nennenswertes Vermögen und ohne familiären Rückhalt im Falle einer Rückkehr nach Afghanistan in der Lage wäre, zumindest durch Gelegenheitsarbeiten wenigstens ein kleines ausreichendes Einkommen zu erzielen. Das entspricht auch der Auffassung des UNHCR – auf den die Schweizerische Flüchtlingshilfe hinsichtlich der Situation der Rückkehrenden Bezug nimmt –, wonach bei alleinstehenden leistungsfähigen Männern – wie dem 20-jährigen Kläger – eine Ausnahme vom Erfordernis der externen Unterstützung in Betracht kommt (vgl. UNHCR-Richtlinien vom 19.4.2016, S. 9). An dieser Einschätzung des Gerichts ändert sich auch durch die Anmerkungen des UNHCR zur Situation in Afghanistan vom Dezember 2016 nichts. Der UNHCR weist zwar in seiner Stellungnahme darauf hin, dass sich die Sicherheitslage seit April 2016 insgesamt nochmals deutlich verschlechtert habe, was damit einher gehe, dass sich der Konflikt in Afghanistan im Laufe des Jahres 2016 weiter ausgebreitet habe und die Zahl der zivilen Opfer im ersten Halbjahr 2016 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um weitere 4% gestiegen sei. Die Zahl der intern Vertriebenen habe im Jahr 2016 auf Rekordniveau gelegen; zudem sei auch aus den Nachbarländern Pakistan und Iran eine große Zahl von Menschen nach Afghanistan zurückgekehrt, was zu einer extremen Belastung der ohnehin bereits überstrapazierten Aufnahmekapazitäten in den wichtigsten Städten der Provinzen und Distrikte in Afghanistan geführt habe. Dies gelte auch für die Stadt Kabul, wo nur begrenzte Möglichkeiten der Existenzsicherung, eine extrem angespannte Wohnraumsituation sowie mangelnder Zugang zu grundlegenden Versorgungsleistungen bestehe, sodass die Verfügbarkeit einer internen Schutzalternative im Umfeld eines dramatisch verschärften Wettbewerbs um den Zugang zu knappen Ressourcen unter Berücksichtigung der besonderen Umstände jedes einzelnen Antragstellers geprüft werden müsse. Abgesehen davon, dass der UNHCR für die beschriebene Einschätzung seine eigenen Maßstäbe zugrunde legt, hält dieser auch gleichzeitig ausdrücklich an seinen Richtlinien von April 2016 fest, wonach bei alleinstehenden leistungsfähigen Männern eine Ausnahme vom Erfordernis der externen Unterstützung in Betracht kommt, wovon das Gericht auch bei dem hiesigen Kläger ausgeht.
Individuell ist bei dem Kläger positiv zu berücksichtigen, dass er in Afghanistan elf Jahre lang die Schule besucht hat und damit über einen Bildungsstand verfügt, mit dem er gegenüber der großen Mehrheit der Afghanen klar im Vorteil ist. Auch aufgrund seiner in Europa erworbenen Kenntnisse und Erfahrungen befindet sich der Kläger in einer vergleichsweise guten Position. In beruflicher Hinsicht hat der Kläger in seinem Heimatland zumindest bereits gewisse Erfahrungen sammeln können, indem er durch die skizzierte Impftätigkeit, aber auch durch Hilfstätigkeiten in Form der Beladung von LKW mit Steinen Geld verdient und auf diesem Wege gezeigt hat, dass er in der Lage ist, Strategien für ein wirtschaftliches Überleben in Afghanistan zu entwickeln und umzusetzen; es ist nichts dafür ersichtlich, dass ihm dies nach einer Rückkehr nach Afghanistan nicht wieder gelingen würde. Bis zu seiner Ausreise hat der Kläger zudem rund 18 Jahre lang in Afghanistan gelebt und kennt infolgedessen die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse seines Heimatlandes. Neben seiner eigenen Erwerbsfähigkeit kann der Kläger darüber hinaus nach Überzeugung des Gerichts im Bedarfsfalle auch auf die Unterstützung durch Familienmitglieder zurückgreifen. Der Kläger verfügt noch über zwei Onkel mütterlicherseits samt Familien im Heimatdorf, von denen einer den Kläger auch bereits im Rahmen der Finanzierung der Fluchtkosten unterstützt hat. Zudem lebt einer der Brüder des Klägers in Bagram und ist dort als Lkw-Fahrer tätig; dieser unterstützt derzeit auch bereits die Mutter am Herkunftsort. Eine Unterstützung erscheint vor diesem Hintergrund auch realistisch, zumal der Kläger in der mündlichen Verhandlung angegeben hat, dass sie in Afghanistan ein gutes Leben geführt hätten und dies auch nach den Problemen mit den Taliban nicht schlechter geworden sei. Denn es ist im Kulturkreis des Klägers absolut üblich, dass in Notsituationen über derartige Kontakte Unterstützung geleistet wird und es ist nichts dafür ersichtlich, dass dies vorliegend nicht geschehen würde. Darüber hinaus kann der Kläger seine finanzielle Situation zusätzlich auch dadurch verbessern, dass er Start- und Reintegrationshilfen in Anspruch nimmt. So können afghanische ausreisewillige Personen seit dem Jahr 2016 Leistungen aus dem REAG-Programm sowie aus dem GARP-Programm erhalten, die Reisebeihilfen im Wert von 200,00 EUR und Starthilfen im Umfang von 500,00 EUR beinhalten. Darüber hinaus besteht seit Juni 2016 das Reintegrationsprogramm ERIN. Die Hilfen aus diesem Programm umfassen z.B. Service bei Ankunft, Beratung und Begleitung zu behördlichen, medizinischen und caritativen Einrichtungen, berufliche Qualifizierungsmaßnahmen, Arbeitsplatzsuche sowie Unterstützung bei einer Geschäftsgründung. Die Unterstützung wird weitgehend als Sachleistung gewährt. Der Leistungsrahmen für rückgeführte Einzelpersonen beträgt dabei ca. 700,00 EUR (vgl. Auskunft des Bundesamts vom 12.8.2016 an das VG Ansbach; VG Augsburg, U.v. 18.10.2016 – AU 3 K 16.30949 – juris). Der Kläger könnte sich auch nicht mit Erfolg darauf berufen, dass die genannten Start- und Reintegrationshilfen ganz oder teilweise nur für freiwillige Rückkehrer gewährt werden, also teilweise nicht bei einer zwangsweisen Rückführung. Denn nach der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts kann ein Asylbewerber, der durch eigenes zumutbares Verhalten – wie insbesondere durch freiwillige Rückkehr – im Zielstaat drohende Gefahren abwenden kann, nicht vom Bundesamt die Feststellung eines Abschiebungsverbots verlangen (vgl. BVerwG, U.v. 15.4.1997 – 9 C 38.96 – juris; VGH BW, U.v. 26.2.2014 – A 11 S 2519/12 – juris). Dementsprechend ist es dem Kläger möglich und zumutbar, gerade zur Überbrückung der ersten Zeit nach einer Rückkehr nach Afghanistan freiwillig Zurückkehrenden gewährte Reisehilfen sowie Reintegrationsleistungen in Anspruch zu nehmen. Ebenfalls nicht entgegenstehend für die Annahme internen Schutzes ist der Umstand, dass der Kläger längere Zeit in Europa verbracht hat. Vielmehr wirkt sich dies eher begünstigend auf seine Erwerbsperspektive in Afghanistan aus (vgl. auch OVG NRW, B.v. 20.7.2015 – 13 A 1531/15 A – juris). Eine Rückkehr nach Afghanistan scheitert nach der Rechtsprechung des Bayerischen Verwaltungsgerichtshofs (vgl. etwa BayVGH, B.v. 4.1.2017 – 13a ZB 16.30600 – juris), der sich das Gericht anschließt, grundsätzlich auch nicht an einem langjährigen Aufenthalt in Europa oder Drittländern. Maßgeblich ist vielmehr, dass der Betroffene den größten Teil seines Lebens in einer islamisch geprägten Umgebung verbracht hat und eine der beiden Landessprachen spricht, was vorliegend der Fall ist. Vor diesem Hintergrund folgt das Gericht auch nicht der Einschätzung von Frau Friederike Stahlmann, wonach die Annahme, dass alleinstehende junge gesunde Männer und kinderlose Paare ihr Überleben aus eigener Kraft sichern könnten, durch die derzeitige humanitäre Lage inzwischen grundlegend infrage gestellt sei (vgl. Friederike Stahlmann, Überleben in Afghanistan, Asylmagazin 3/2017, S. 73 ff. (77 f.). Denn nach Überzeugung des Gerichts bieten die geschilderten persönlichen Verhältnisse und Ressourcen des Klägers ausreichende und realistische Möglichkeiten dafür, zumindest für den hiesigen Kläger ein Leben in Kabul zumutbar erscheinen zu lassen.
Dies scheitert vorliegend auch nicht an einer mangelnden Arbeitsfähigkeit des Klägers, zumal der Kläger diese in Afghanistan, gerade in Form der schweren Arbeit der Beladung von LKW mit Steinen, in der Vergangenheit bereits klar unter Beweis gestellt hat. Bereits die geklagten Beschwerden sprechen eindeutig gegen eine eingeschränkte Arbeitsfähigkeit und erst recht gegen eine Arbeitsunfähigkeit. So hat der Kläger beim Bundesamt gesundheitliche Beschwerden überhaupt nicht angegeben und in der mündlichen Verhandlung nur höchst pauschal erklärt, es gehe ihm nicht gut. Im Rahmen der Anamnese beim Klinikum … … hat der Kläger in diesem Zusammenhang angegeben, dass er immer einmal wieder Fieber habe, müde sei und manchmal zittrig. Diese Angaben stellen ersichtlich und ohne dass es ärztlichen Fachwissens bedürfte die Arbeitsfähigkeit des Klägers grundsätzlich nicht infrage. Entsprechend der vom Kläger vorgelegten ärztlichen Atteste vom 31. Juli 2017 (Klinikum …) sowie 26. September 2017 (Facharzt für Allgemeinmedizin Dr. B. …) hat dieser bereits in Afghanistan eine Malaria tertiana durchgemacht, welche nunmehr nochmals in Deutschland rund zwei Wochen medikamentös nachbehandelt wurde. Es handelt sich hierbei um eine Form der Malaria, der eine gutartige Verlaufsform zu Grunde liegt (vgl. etwa: http://www.malaria.info/malaria/malaria-tertiana/). Eine derzeitige oder auch nur absehbare Behandlungsbedürftigkeit ist nicht ersichtlich und lässt sich insbesondere auch den vorgelegten Attesten nicht ansatzweise entnehmen. Dasselbe gilt für die Erkrankung Hepatitis E, welche der Kläger ausweislich der Stellungnahme des Klinikums … … vom 31. Juli 2017 ebenfalls durchgemacht hat. Es wird jeweils ein Zustand nach diesen Krankheiten „(Z.n.)“ diagnostiziert. Auch für die darüber hinaus diagnostizierten Gallenblasensteine (Cholezystolithiasis) besteht ausweislich der vorgelegten ärztlichen Unterlagen keine Behandlungsbedürftigkeit. Schließlich leidet der Kläger noch an einer Eisenmangelanämie, gegen die er aktuell das Präparat Tardyferon einnimmt. Von dieser Erkrankung sind weltweit 600 Millionen Menschen betroffen, es handelt sich um die häufigste Mangelkrankheit überhaupt (vgl. https://de.w…org/…/…). Zum einen ist zu beachten, dass der Kläger den hierbei bedeutsamen Grenzwert für Hämoglobin von 13,3 mit 12,9 nur leicht unterschreitet (vgl. das vorgelegte Laborblatt vom 14. August 2017), sodass offensichtlich nicht von einer schweren Form der Erkrankung ausgegangen werden kann. Zum anderen ist das Gericht davon überzeugt, dass der Kläger das Medikament Tardyferon bzw. ein ersatzweises Eisenpräparat in Afghanistan erhalten und auch finanzieren kann. Es handelt sich hierbei um ein einfaches Präparat zur Eisenzufuhr, das selbst bei dem sehr hohen Preisniveau in Deutschland zu sehr günstigen Preisen erhältlich ist, so etwa 100 Stück zum Preis von 14,03 EUR (https://www.m…de/…/…html). Der Kläger, der aktuell eine Tablette pro Tag einnehmen soll, wird das Medikament nach Überzeugung des Gerichts, falls er dieses nicht ohnehin im Rahmen seines Anrechts auf freie medizinische Versorgung in einem staatlichen Krankenhaus bzw. Apotheke erhalten kann (vgl. hierzu Auskunft der Deutschen Botschaft in Kabul an das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge vom 29. April 2009), durch eigene Erwerbsarbeit bzw. durch Unterstützung durch seine Familienangehörigen in Afghanistan finanzieren können. Hierfür spricht auch, dass der Kläger nach eigenen Angaben in Afghanistan selbst Medikamente gegen seine Malariaerkrankung erhalten hat und auch hat finanzieren können. Schließlich hat der Kläger in der mündlichen Verhandlung angegeben, dass die Familie in Afghanistan ein gutes Leben geführt habe. Die finanzielle Lage der Familie sei auch nach den Problemen mit den Taliban nicht schlechter geworden (vgl. oben). Nachdem rund 36% der afghanischen Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze leben (vgl. Schweizer Flüchtlingshilfe, Afghanistan: Update, vom 30.9.2016, S. 24), wird hieraus deutlich, dass der Kläger und seine Familie zum privilegierten Teil der Bevölkerung zu zählen sind, sodass die Finanzierung des Medikaments – falls es überhaupt dauerhaft erforderlich sein sollte – sichergestellt ist.
Vor diesem Hintergrund war auch dem schriftsätzlich gestellten hilfsweisen Beweisantrag nicht weiter nachzugehen, da die darin genannten Erkrankungen wie vorstehend ausgeführt gerichtlicherseits unterstellt wurden. Für deren Behandlungsbedürftigkeit sind jedoch – abgesehen von der Eisenmangelanämie – keinerlei tatsächliche Anhaltspunkte, insbesondere nicht aus den vorgelegten Attesten, ersichtlich (vgl. Eyermann, VwGO, 13. Aufl., § 86 Rn. 27 m.w.N.). Was die Behandlung der Eisenmangelanämie angeht, so wurde vorstehend dargelegt, dass die medikamentöse Behandlung in Afghanistan sichergestellt ist, sodass es der Aufklärung einer etwaig eintretenden wesentlichen Gesundheitsverschlechterung bei Absetzen des Medikaments nicht bedarf.
Nach alledem kann der Kläger internen Schutz in der Hauptstadt Kabul in Anspruch nehmen, so dass auch aus diesem Grunde ein Anspruch auf Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft ausscheidet.
II.
Der Kläger hat weiterhin auch keinen Anspruch auf Zuerkennung des subsidiären Schutzstatus gemäß § 4 Abs. 1 AsylG.
1. Dem Kläger droht nach Überzeugung des Gerichts weder die Verhängung oder Vollstreckung der Todesstrafe gemäß § 4 Abs. 1 Satz 2 Nr. 1 AsylG noch droht ihm ein ernsthafter Schaden durch unmenschliche oder erniedrigende Behandlung i.S. von § 4 Abs. 1 Satz 2 Nr. 2 AsylG. Es fehlt insoweit bereits an einem glaubhaften Vortrag, zumindest aber besteht für den Kläger die Möglichkeit internen Schutzes in Kabul nach § 4 Abs. 3 Satz 1 i.V.m. § 3e AsylG. Auf die diesbezüglichen Ausführungen zu § 3 AsylG wird vollumfänglich verwiesen.
2. Dem Kläger droht auch keine individuelle und konkrete Gefahr eines ernst-haften Schadens i.S. des § 4 Abs. 1 Satz 2 Nr. 3 AsylG aufgrund der Sicherheitslage in seiner Herkunftsregion, der Provinz Nangarhar. Dasselbe gilt für die Hauptstadt Kabul als inländischer Fluchtalternative entsprechend obiger Ausführungen. In der Ostregion, zu der die Provinz Nangarhar gehört, wurden im Jahre 2016 1.595 Zivilpersonen getötet oder verletzt und in der Zentralregion, zu der die Provinz Kabul zählt, 2.348 Zivilpersonen (vgl. UNAMA, Annual Report 2016 Afghanistan, Februar 2017, S. 11 f.). Die Anschlagswahrscheinlichkeit sowohl für die Ostregion als auch für die Zentralregion lag damit im Jahr 2016 bei deutlich unter 1:800 und damit nach der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts weit von der Schwelle der beachtlichen Wahrscheinlichkeit, in dem betreffenden Gebiet verletzt oder getötet zu werden, entfernt (vgl. BVerwG, U.v. 17.11.2011 – 10 C 13/13 – juris). Im Jahr 2017 hat sich diese Zahl (unter Verdoppelung der Halbjahreszahlen) bis zur Jahresmitte in der Ostregion leicht verringert, während sie sich in der Zentralregion leicht erhöht hat. In der Ostregion wurden im ersten Halbjahr 2017 bisher 702 Zivilpersonen getötet oder verletzt, während dies in der Zentralregion bei 1.254 Zivilpersonen der Fall war (vgl. UNAMA, Midyear Report 2017, Juli 2017, S. 10). Damit ist derzeit nicht davon auszugehen, dass bei Unterstellung eines bewaffneten Konflikts praktisch jede Zivilperson schon allein aufgrund ihrer Anwesenheit in dem betreffenden Gebiet einer ernsthaften Bedrohung für Leib und Leben infolge militärischer Gewalt ausgesetzt wäre. Individuelle gefahrerhöhende Umstände in der Person des Klägers sind darüber hinaus nicht erkennbar.
III.
Der Kläger hat auch keinen Anspruch auf Feststellung eines Abschiebungsverbotes nach § 60 Abs. 5 oder Abs. 7 Satz 1 AufenthG.
1. Ein Abschiebungsverbot gemäß § 60 Abs. 5 AufenthG kommt nicht in Betracht, da dem Kläger keine gegen Art. 3 EMRK oder ein anderes Grundrecht nach der EMRK verstoßende Behandlung droht. Auch in diesem Zusammenhang wird auf die obigen Ausführungen zu den §§ 3, 4 AsylG vollinhaltlich verwiesen. Die allgemeine Versorgungslage in Afghanistan stellt darüber hinaus ebenfalls keine unmenschliche oder erniedrigende Behandlung i.S.d. Art. 3 EMRK dar. Zwar können schlechte humanitäre Bedingungen im Abschiebezielstaat in besonderen Ausnahmefällen in Bezug auf Art. 3 EMRK ein Abschiebungsverbot begründen. In Afghanistan ist die Lage für alleinstehende männliche arbeitsfähige afghanische Staatsangehörige jedoch nicht so ernst, dass eine Abschiebung ohne weiteres eine Verletzung von Art. 3 EMRK darstellen würde (BVerwG, U.v. 31.1.2013 – 10 C 15.12 – NVwZ 2013, 1167; BayVGH, U.v. 12.2.2015 – 13a B 14.30309 – juris). Es ist hierbei in Bezug auf den Gefährdungsgrad das Vorliegen eines sehr hohen Niveaus erforderlich, denn nur dann liegt ein außergewöhnlicher Fall vor, in dem die humanitären Gründe gegen eine Ausweisung „zwingend“ sind. Wenn das Bundesverwaltungsgericht (a.a.O.) die allgemeine Lage in Afghanistan nicht als so ernsthaft einstuft, dass ohne weiteres eine Verletzung des Art. 3 EMRK angenommen werden kann, weist dies ebenfalls auf die Not-wendigkeit einer besonderen Ausnahmesituation hin (vgl. BayVGH, U.v. 21.11.2014 – 13a B 14.30285 – juris). Eine solche ist bei dem Kläger vorlie-gend nicht gegeben; besondere Umstände, die vorliegend eine andere Beurteilung gebieten würden, sind nicht ersichtlich.
2. Ein Abschiebungsverbot nach § 60 Abs. 7 Satz 1 AufenthG liegt ebenfalls nicht vor. Nach dieser Vorschrift soll von der Abschiebung eines Ausländers in einen anderen Staat abgesehen werden, wenn dort für diesen Ausländer eine erhebliche konkrete Gefahr für Leib, Leben oder Freiheit besteht. Gemäß § 60 Abs. 7 Satz 5 AufenthG sind die Gefahren nach Satz 1, denen die Bevölkerung oder die Bevölkerungsgruppe, der der Ausländer angehört, allgemein ausgesetzt ist, bei Anordnungen nach § 60a Abs. 1 Satz 1 AufenthG zu berücksichtigen. Nach § 60a Abs. 1 Satz 1 AufenthG kann die oberste Landesbehörde anordnen, dass die Abschiebung für längstens sechs Monate ausgesetzt wird. Eine Abschiebestopp-Anordnung besteht jedoch für die Personengruppe, der der Kläger angehört, nicht.
Dem Kläger droht auch aufgrund der unzureichenden Versorgungslage in Afghanistan keine extreme Gefahr infolge einer Verdichtung der allgemeinen Gefahrenlage, die zu einem Abschiebungsverbot im Sinne der verfassungskonformen Auslegung des § 60 Abs. 7 AufenthG führen könnte. Wann allgemeine Gefahren von Verfassungswegen zu einem Abschiebungsverbot führen, hängt wesentlich von den Umständen des Einzelfalles ab und entzieht sich einer rein quantitativen oder statistischen Betrachtung. Die drohenden Gefahren müssen jedoch nach Art, Ausmaß und Intensität von einem solchen Gewicht sein, dass sich daraus bei objektiver Betrachtung für den betroffenen Ausländer die begründete Furcht ableiten lässt, selbst in erheblicher Weise ein Opfer der extremen allgemeinen Gefahrenlage zu werden. Bezüglich der Wahrscheinlichkeit des Eintritts der drohenden Gefahren ist von einem im Vergleich zum Prognosemaßstab der beachtlichen Wahrscheinlichkeit erhöhten Maßstab auszugehen. Die Gefahren müssen dem Ausländer daher mit hoher Wahrscheinlichkeit drohen. Dieser Wahrscheinlichkeitsgrad markiert die Grenze, ab der seine Abschiebung in den Heimatstaat verfassungsrechtlich unzumutbar erscheint. Das Erfordernis des unmittelbaren – zeitlichen – Zusammenhangs zwischen Abschiebung und drohender Rechtsgutverletzung setzt zudem für die Annahme einer extremen Gefahrensituation wegen der allgemeinen Versorgungslage voraus, dass der Ausländer mit hoher Wahrscheinlichkeit alsbald nach seiner Rückkehr in sein Heimatland in eine lebensgefährliche Situation gerät, aus der er sich weder allein noch mit erreichbarer Hilfe anderer befreien kann (BayVGH, U.v. 12.2.2015 – 13a B 14.30309 – juris Rn. 16; Bergmann in Bergmann/Dienelt, Ausländerrecht, 11. A. 2016, § 60 AufenthG Rn. 54). Das bedeutet nicht, dass im Falle der Abschiebung der Tod oder schwerste Verletzungen sofort, gewissermaßen noch am Tag der Abschiebung, eintreten müssten. Vielmehr besteht eine extreme Gefahrenlage auch dann, wenn der Ausländer mangels jeglicher Lebensgrundlage dem baldigen sicheren Hungertod ausgeliefert würde (vgl. BVerwG, U.v. 29.6.2010 – 10 C 10.09 – BVerwGE 137, 226).
Nach der ständigen Rechtsprechung des Bayerischen Verwaltungsgerichtshofs sowie weiterer Oberverwaltungsgerichte, der sich das erkennende Gericht anschließt, ergibt sich aus den Erkenntnismitteln zu Afghanistan derzeit nicht, dass ein alleinstehender arbeitsfähiger männlicher Rückkehrer mit hoher Wahrscheinlichkeit alsbald nach einer Rückkehr in eine derartige extreme Gefahrenlage geraten würde, die eine Abschiebung in den Heimatstaat verfassungsrechtlich als unzumutbar erscheinen ließe. Zwar ist die Versorgungslage in Afghanistan schlecht, jedoch ist im Wege einer Gesamtgefahrenschau nicht anzunehmen, dass bei einer Rückführung nach Afghanistan alsbald der sichere Tod drohen würde oder alsbald schwere Gesundheitsbeeinträchtigungen zu erwarten wären. Der Betroffene wäre selbst ohne nennenswertes Vermögen und ohne familiären Rückhalt in der Lage, durch Gelegenheitsarbeiten wenigstens ein kleines Einkommen zu erzielen und sich damit zumindest ein Leben am Rand des Existenzminimums zu finanzieren (st. Rspr., z.B. BayVGH, B.v. 21.8.17 – 13a ZB 17.30529 – juris; B.v. 4.8.2017 – 13a ZB 17.30791 – juris; B.v. 19.6.2017 – 13a ZB 17.30400 – juris; B.v. 6.4.2017 – 13a ZB 17.30254 – juris; BayVGH, B.v. 23.1.2017 – 13a ZB 17.30044 – juris; B.v. 27.7.2016 – 13a ZB 16.30051 – juris; B.v. 15.6.2016 – 13a ZB 16.30083 – juris; U.v. 12.2.2015 – 13a B 14.30309 – juris Rn. 17 m.w.N.; B.v. 30.9.2015 – 13a ZB 15.30063 – juris; OVG NW, U.v. 3.3.2016 – 13 A 1828/09.A – juris Rn. 73 m.w.N.; SächsOVG, B.v. 21.10.2015 – 1 A 144/15.A – juris; NdsOVG, U.v. 20.7.2015 – 9 LB 320/14 – juris).
Auch aus den aktuellsten Erkenntnismitteln ergibt sich nichts anderes. Insoweit kann auf die Ausführungen unter I. 3. verwiesen werden. Nachdem das Gericht davon ausgeht, dass für den Kläger eine interne Schutzmöglichkeit in Kabul besteht und deren Voraussetzungen über diejenigen im Rahmen des Vorliegens einer extremen Notlage nach § 60 Abs. 7 Satz 1 AufenthG hinausgehen, ist auch ein Anspruch auf ein Abschiebungsverbot nach dieser Vorschrift abzulehnen.
Für das Vorliegen eines Abschiebungsverbotes aus gesundheitlichen Gründen sind – wie bereits oben im Zusammenhang mit der gegebenen Arbeitsfähigkeit des Klägers ausgeführt – keine Anhaltspunkte vorhanden. Für eine schwerwiegende oder gar lebensbedrohliche Erkrankung des Klägers und deren wesentlicher Verschlechterung im Falle der Abschiebung ist vorliegend – insbesondere unter Zugrundelegung der vorgelegten ärztlichen Atteste – nichts ersichtlich; auf die obigen Ausführungen wird Bezug genommen.
Schließlich bestehen auch gegen die Rechtmäßigkeit der Abschiebungsandrohung einschließlich der Zielstaatsbestimmung im Hinblick auf § 34 Abs. 1 AsylG i.V.m. § 59 AufenthG keine Bedenken.

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